Werte

Welche Werte trage ich, trägst du, tief im Herzen?
Was dort wohnt, bringen wir jeden Tag in diese Gesellschaft, in diese Welt ein.

Es hat mich berührt, die 15-minütige Rede des bolivianischen Vizepräsidenten David Choquehuanca zu hören, die er zum Amtsantritt am 8. November 2020 hielt. Er sagt darin u.a.:

Unsere Wahrheit ist ganz einfach ‒ der Condor fliegt nur,
wenn sein rechter Flügel in perfektem Einklang mit seinem linken Flügel ist.

Was meint er damit? Schau und höre selbst oder lies unten in den übersetzten Auszügen.

Ich meine: Hallo?! Ein Politiker 😯 Wenn ich mir vorstelle, welche Welt wir gemeinsam kreieren können, wenn wir unser Leben und Zusammenleben auf diesem Planeten nach solchen Werten führen…

Was für eine Gesellschaft kann gedeihen, wenn wir solche Politiker haben?!

Die Übersetzung der ganzen Rede ist hier zu finden.

Auszüge:

Mit der Erlaubnis unserer Götter, unseren älteren Brüdern, unserer Mutter Erde, unseren Vorfahren…
Mit der Erlaubnis aller Anwesenden und nicht Anwesenden in diesem Parlamentssaal…
Heute möchte ich einige Minuten lang unser Denken und Fühlen teilen.

Es ist eine Pflicht, uns zu verständigen, eine Pflicht miteinander zu sprechen, es ist ein Prinzip des guten und würdigen Lebens.

Wir … haben eine uralte Kultur geerbt, die versteht, dass alles miteinander verbunden ist, dass nichts getrennt ist und dass nichts außerhalb ist. Deshalb sagen sie uns, dass … das Wohlergehen aller das Wohlergehen von einem selbst ist. Dass Helfen ein Weg ist, zu wachsen und glücklich zu sein. Dass uns der Verzicht zum Wohle des anderen stärkt, dass uns zu vereinen und uns im Ganzen zu erkennen der Weg von gestern, heute, morgen und immer ist…

Ayllu (Gemeinschaft) ist nicht nur eine Organisationsform der Gesellschaft von Menschen, Ayllu ist ein System der Organisation des Lebens aller Wesen, von allem was existiert, von allem, was im Gleichgewicht auf unserem Planeten oder der Mutter Erde fließt.

Jahrhundertelang wurden die zivilisatorischen Regeln von Abya Yala (Bezeichnung für den lateinamerikanischen Kontinent) in ihren Strukturen zerstört und viele von ihnen ausgerottet, das ursprüngliche Denken wurde systematisch dem kolonialen Denken unterworfen.

Aber sie konnten uns nicht ausschalten, wir leben…, wir sind stark, wir sind wie der Stein, wir sind … Feuer, das nie erloschen ist…, wir sind Jaguar, wir sind… Comanchen, wir sind Maya, wir sind… Mapuche, wir sind… alle Menschen der Kultur des Lebens, die wir gleich, rebellisch, mit Weisheit erwacht sind.

Heute erleben Bolivien und die Welt einen Übergang der sich alle 2000 Jahre wiederholt, im Zeitenverlauf verlassen wir die Nicht-Zeit und beginnen die neue Morgendämmerung, ein neues Pachakuti (Zeitenwende) in unserer Geschichte.

Eine neue Sonne und ein neuer Ausdruck in der Sprache des Lebens, wo die Empathie für den anderen oder das kollektive Wohl den egoistischen Individualismus ersetzt.

Wo wir Bolivianer einander als Gleiche betrachten und wissen, dass wir vereint mehr erreichen, wir sind in Zeiten, um wieder Jiwasa (Wir, Uns) zu werden, nicht ich, sondern wir.

Jiwasa ist der Tod der Egozentrik, der Tod des Anthropozentrismus (bedeutet laut Wikipedia, dass der Mensch sich selbst als den Mittelpunkt der weltlichen Realität versteht) und der Tod des Theozentrismus (bezeichnet eine religiös geprägte Weltanschauung, die Gott oder eine oder mehrere Gottheiten im geistigen Zentrum der Welt sieht).

Wir sind in einer Zeit, um wieder Iyambae zu werden. Diesen Kodex haben unsere Guaraní-Brüder für uns bewahrt und Iyambae bedeutet eine Person, die niemandem gehört. Niemand auf dieser Welt soll sich als Besitzer von jemandem oder von etwas fühlen.

Seit 2006 haben wir in Bolivien eine harte Arbeit begonnen, um unsere individuellen und kollektiven Wurzeln zu verbinden, um wieder wir selbst zu werden, zu unserer Mitte zurückzukehren…, zum Gleichgewicht, aus dem die wichtigsten Weisheiten der Zivilisationen unseres Planeten zum Vorschein kommen.

Wir befinden uns mitten im Prozess der Wiedergewinnung unseres Wissens, der Verhaltensregeln der Kultur des Lebens, der zivilisatorischen Regeln einer Gesellschaft, die in tiefer Verbindung mit dem Kosmos steht, mit der Welt und mit der Natur, mit dem individuellen und kollektiven Leben, um unser suma qamaña (das materielle und spirituelle Gleichgewicht des Individuums – Wissen, wie man lebt – und seiner harmonischen Beziehung zu allen Formen der Lebens – Zusammenleben) … aufzubauen ‒ was bedeutet, unsere Gemeinschaft und das Wohlergehen des Einzelnen oder der Gemeinschaft sicherzustellen.

Einer der unerschütterlichen Stützpfeiler unserer Zivilisation ist das geerbte Wissen um die Pacha, Gleichgewicht in Zeit und Raum zu gewährleisten. Das bedeutet, mit allen komplementären Energien umzugehen, mit der kosmischen, die vom Himmel kommt, mit der, die aus der Erde kommt.

Diese beiden kosmischen aus der Welt hervorgehende Kräfte wirken zusammen und schaffen das, was wir Leben nennen, als sichtbares (Pachamama) und als spirituelles (Pachakama) Ganzes.

Indem wir das Leben in Begriffen der Energie verstehen, haben wir die Möglichkeit, unsere Geschichte, die Materie und unser Leben als Zusammenwirken der Chachawarmi-Kraft umzugestalten, wenn wir uns auf die Komplementarität der Gegensätze beziehen.

Die neue Zeit, die wir beginnen, wird getragen sein von der Energie des Ayllu, der Gemeinschaft, der Konsense, der Horizontalität, der komplementären Gleichgewichte und des Gemeinwohls.

Unsere Revolution ist die Revolution der Ideen, sie ist die Revolution der Ausgewogenheiten, denn wir sind überzeugt, dass wir uns, um die Gesellschaft, die Regierung, die Verwaltung, die Gesetze und das politische System zu verändern, als Individuen verändern müssen.

Wir werden die Übereinstimmungen von Gegensätzen fördern, um Lösungen zu finden zwischen der Rechten und der Linken, zwischen der Rebellion der Jugend und der Weisheit der Großeltern, zwischen den Grenzen der Wissenschaft und der unbeirrbaren Natur, zwischen den kreativen Minderheiten und den traditionellen Mehrheiten, zwischen den Kranken und den Gesunden, zwischen den Regierenden und den Regierten, zwischen dem Führerkult und der Gabe, anderen zu dienen.

Unsere Wahrheit ist ganz einfach ‒ der Condor fliegt nur, wenn sein rechter Flügel in perfektem Einklang mit seinem linken Flügel ist.

… wir suchen nicht die Konfrontation, wir suchen den Frieden, wir vertreten nicht die Kultur des Krieges noch der Vorherrschaft. Unser Kampf richtet sich gegen jede Art von Unterwerfung und gegen das koloniale, patriarchale Denken, woher auch immer es kommt.

Die Idee des Zusammentreffens zwischen Geist und Materie, dem Himmel und der Erde, von Pachamama und Pachakama ermöglicht es uns zu denken, dass eine neue Frau und ein neuer Mann die Menschheit, den Planeten und das schöne Leben auf ihm werden heilen können und unserer Mutter Erde ihre Schönheit zurückgeben.

Wir werden … zurückkehren, zum ehrenhaften Weg der Integration, dem Weg der Wahrheit, dem Weg der Brüderlichkeit, dem Weg der Einheit, dem Weg des Respekts vor unseren Autoritäten, vor unseren Schwestern, dem Weg des Respekts vor dem Feuer, dem Weg des Respekts vor dem Regen, dem Weg des Respekts vor unseren Bergen, dem Weg des Respekts vor unseren Flüssen, dem Weg des Respekts vor unserer Mutter Erde, dem Weg des Respekts vor der Souveränität unserer Völker.

Brüder, um zum Schluss zu kommen, wir Bolivianer müssen die Spaltung überwinden, den Hass, den Rassismus, die Diskriminierung unter Landsleuten. Keine Verfolgung der freien Meinungsäußerung mehr, keine politische Verfolgung mehr durch die Justiz.

Kein Machtmissbrauch mehr. Die Macht muss da sein, um zu helfen. Macht muss zirkulieren. Die Macht genauso wie die Wirtschaft muss umverteilt werden, muss zirkulieren, muss fließen wie das Blut in unserem Organismus. Keine Straffreiheit mehr. Gerechtigkeit, Brüder.

Aber die Justiz muss wirklich unabhängig sein. Beenden wir die Intoleranz, die Missachtung der Menschenrechte und der Rechte unserer Mutter Erde.

Die neue Zeit bedeutet, die Botschaft unserer Völker zu hören, die aus ihren tiefsten Herzen kommt, bedeutet Wunden zu heilen, uns gegenseitig mit Respekt anzuschauen, das Vaterland wiederzugewinnen, gemeinsam zu träumen, Brüderlichkeit, Harmonie, Integration, Hoffnung aufzubauen, um den Frieden und das Glück für die kommenden Generationen zu sichern.

Nur so können wir das gute Leben erreichen und uns selbst regieren.

12 Gedanken zu “Werte

  1. Auch wenn das alles nur Wunschdenken ist, da fast alle anderen Politiker (Menschen) lediglich Macht und Gewinne im Sinn haben, liefen mir gerade beim Zuhören Tränen …. es könnte alles so wundervoll harmonisch sein.
    Danke fürs teilen, liebe Marion. 🙂

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Bea,

      danke für diese berührende Rückmeldung! Das tut wirklich gut zu lesen. Immer wenn wir einander zu berühren vermögen, bewegt sich etwas. In diesem Fall in eine gute Richtung.

      Ich habe die Auszüge der Übersetzung des Textes gerade noch vervollständigt. Jetzt ist der Beitrag komplett.

      Herzliche Grüße 💞
      Marion

      Gefällt 2 Personen

    1. Das einzige, worüber wir in dem Zusammenhang die Macht haben, ist: Was mache ich, was machst du damit? Halten und leben wir unsere Werte? Strahlen wir sie aus? Tragen wir sie in die Welt? Den Rest gilt es los zu lassen, denke ich.

      Ab und an gibt es ein Hoffnungslichtlein. Dieses Video von dem bolivianischen Vizepräsidenten ist für mich so eins 🕯️

      Gefällt 1 Person

  2. Eine Offenbarung – liebevoll, respektvoll und voller Demut unserer Natur gegenüber…wunderbar…
    Ich mache mir Gedanken darüber, dass die Menschheit das nie geschafft hat bzw. die Mehrheit davon. Ich frage mich warum, selbst unsere Urahnen kämpften um’s überleben. Ich weiß nicht, ob die menschliche DNA diese wunderbaren Werte wirklich leben kann. Ich habe da so meine Zweifel – warum Kriege führen, wenn eigentlich Frieden in unseren Herzen sein sollte!?
    Ich mache mir oft Gedanken darüber, dass nur gewisse Menschen diese Werte leben können und andere sie überhaupt nicht wollen und sie komplett verweigern.

    DAnke für deinen Beitrag Marion! Ein wichtiger Beitrag. LG Tete

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Tete,

      dein Kommentar berührt und freut mich sehr, ich schätze ihn, so wie ich dich als Mensch schätze.
      Es fühlt sich wunderbar an zu spüren, dass jemand genau diese Werte, die dieser bolivianische Politiker aufzählt, in seinem/ihrem Herzen trägt und lebt 🙏✨

      Es gibt bestimmt die verschiedensten Sichtweisen darauf, warum die Dinge so sind, wie sie sich momentan darstellen, all der Unfriede, die Kriege und Kämpfe, das Übervorteilen und unlautere Handeln, das Durcheinander und Werte, mit denen wir uns langfristig schaden.
      Ich persönlich glaube, dass es für jeden persönlich gilt zuerst Frieden in sich zu finden, zumindest entspricht das meinen Erfahrungen. Das braucht oft ein ganzes Leben oder sogar viele Leben. All die gemachten Erfahrungen wollen verwertet und gewandelt werden, bis es in unserer Seele wieder licht und hell sein kann. Sobald das der Fall ist, sehen wir automatisch anders auf die anderen Menschen und begegnen ihnen anders.

      Wer (noch) nicht bereit ist sich mit dem auseinander zu setzen, was in ihm drin zu Unfrieden führt, wird dies auch weiterhin nach außen tragen und dort entsprechendes mit produzieren. Letztendlich sind alle göttlichen Ursprungs und kehren eines Tages zu diesem zurück, davon bin ich überzeugt. Auch wenn es ganz schön herausfordernd sein kann, das in allen zu sehen. Denn wir sind Menschen, mit all den zugehörigen Gefühlen von Ablehnung, Antipathie, Verletztsein und daraus manchmal Rachegefühle usw.

      Tun wir das, was wir können, in uns und unserem Umfeld das zu fördern, wonach unser Herz uns drängt.

      Von Herzen 💞
      Marion

      Gefällt 1 Person

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